Rauda

Die visuelle Raumwirkung historischer Stadtgrundrisse

Der Wiederaufbau Deutschlands „im Spiegel städtebaulicher Raumkulturen“

Ende der 1950er Jahre waren die ersten Probleme im Wiederaufbau – die möglichst schnelle Schaffung von Wohnraum und die Beseitigung der Trümmer – weitgehend bewältigt. Problematisch blieb allerdings der Umgang mit den Stadtzentren, da der neue Wohnraum meist in Siedlungen außerhalb der Stadtmitte entstanden ist. In dieser Zeit veröffentlicht Wolfgang Rauda, Professor für Entwerfen an der TH Dresden, 1956 sein Buch „Raumprobleme im europäischen Städtebau“. Reich bebildert durch eigene Skizzen stellt er hierin seine Theorie eines künstlerischen Städtebaus dar, die vor allem den Rhythmus des Stadtraums als besondere Qualität ausweist. Seine These: Jede Epoche der Stadtbaugeschichte – von der Antike bis zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert – war geprägt durch ein jeweiliges „Sehen und Bewegen“ und äußert sich demnach in unterschiedlichen Ausformungen der Stadträume. Er nutzt hierbei die Begriffe „Ordnungsbereiche oder Ordnungskräfte als Gestaltprinzipien“, mit denen er die bisher nur subjektiv betrachteten Fragen im Städtebau wissenschaftlich zu beantworten versucht.

Wolfgang Rauda wurde 1907 in Zittau geboren und studierte unter anderem bei Paul Bonatz in Stuttgart und bei Adolf Muesmann in Dresden. 1936 promovierte er über den mittelalterlichen Stadtgrundriss Dresdens und arbeitete daraufhin bei Hubert Ermisch, dem bekannten Denkmalpfleger in Dresden. Zwischen 1934 und 1947 war er als Regierungsbaurat in Kempen und Lodsch tätig. Seine Wiederaufbauplanungen in Rostock und in Dresden 1948-1953 wurden viel gelobt, allerdings kaum realisiert. Insbesondere sein Umgang mit der Stadtgeschichte und die wissenschaftliche Analyse der gebauten Ergebnisse wird in den Jury-Urteilen der Wettbewerbsbeiträge und den Kritiken der westdeutschen Bauzeitschriften hervorgehoben. Doch die veränderten Bedingungen der DDR und die „16 Grundsätze des Städtebaus“ widerstrebten Raudas Entwurfshaltung, weswegen er 1958 von einer Forschungsreise nicht in die DDR zurück kehrte. In Hannover arbeitete er als freischaffender Architekt und lehrte ab 1968 an der Technischen Universität am Lehrstuhl „Städtebauliche Raumbildung“.

Raudas eigene städtebaulichen Entwürfe sind geprägt vom Bezug auf den historischen Stadtgrundriss, der allerdings in der gebauten Vertikalen in zeitgemäßer Form ausgeführt wird. Der Wiederaufbauplan für Rostock, den Rauda gemeinsam mit Günther Trauer entwickelt, versucht statt „eines verzettelten Bauens abschnittsweise Straßen- und Platzräume in überlegter Ordnung entstehen zu lassen“ und berücksichtigt gleichzeitig die Verkehrsplanung. Hier rückt Rauda erneut den Stadtraum in den Vordergrund der Planungen. Seine ausgeführten Bauten in der Krämerstraße sind schlichte Geschossbauten in Blockrandbebauung, die später in der DDR als Beispiel „formalistischen“ Bauens kritisiert wurden. Damit rekonstruiert er nicht nur das Stadtbild, sondern setzt sich kritisch mit den jeweiligen Bedürfnissen auseinander. Eine solche Entwurfsmethode wird ab Mitte der 1970er Jahre als „kritische Rekonstruktion“ bekannt sein und stellt eine Lösung für den Umgang mit historischen Stadtzentren dar. Wolfgang Rauda könnte somit als Pionier dessen gesehen werden; nach seinem Tod gerieten seine städtebaulichen Theorien und Entwürfe weitestgehend in Vergessenheit. Lediglich seine Zeichnungen werden häufig zitiert, allerdings selten in den städtebaulichen Diskurs eingeordnet. Eine präzise Positionierung Raudas in den architekturgeschichtlichen Kontext fehlt bisher und soll in diesem Promotionsvorhaben untersucht werden. Vor allem seine Haltung im Wiederaufbau zwischen Tradition und Moderne sowie sein städtebauliches Leitbild, das weder eine reine Rekonstruktion noch die „durchgrünte und aufgelockerte“ Stadt vorsieht, stellt eine Orientierung dar, die zwischen Karl Gruber und Paul Schmitthenner einzuordnen ist. Dieses Leitbild soll nach eigener Interpretation als „Wiederaufbau im Spiegel städtebaulicher Raumkultur“ bezeichnet werden und nimmt damit Bezug auf Raudas letzte bekannte Publikation „Die historische Stadt im Spiegel städtebaulicher Raumkulturen“ 1969. Hierin betont er selbst nochmals die große Bedeutung der Stadtzentren im Wiederaufbau und bezieht sich auf die in diesen Jahren einsetzende Kritik am Verlust der historischen Mitte der Stadt. Diese Kritik hält bis heute an, wie die Debatte um den Dresdner Neumarkt zeigt. Wolfgang Raudas Theorien zur städtebaulichen Raumkultur könnten hier neue Aspekte eröffnen.