die stadt von morgen

die stadt von morgen – Die programmatische Sonderausstellung zum zukünftigen Städtebau auf der Internationalen Bauausstellung 1957 in Berlin

Dissertationsprojekt von Sandra Wagner-Conzelmann M.A., im April 2006 erfolgreich abgeschlossen

Die Internationale Bauausstellung INTERBAU in Berlin 1957 war das größte Ausstellungsereignis Deutschlands in den 1950er Jahren. Das groß angelegte Demonstrationsgebiet des Hansaviertels, die umfassenden Begleitausstellungen und die internationale Architektenprominenz machten die Interbau nicht nur für Fachleute sehr attraktiv.

Dem Hansaviertel und den außerhalb errichteten Bauten sind bis heute die Aufmerksamkeit als Beispiele hochwertiger Architektur der Nachkriegsmoderne sicher. Die weitgehende Konzentration der einschlägigen Literatur auf die Architektur des Hansaviertels blendet jedoch zwei weitere bedeutende Aspekte der Interbau weitgehend aus: erstens die städtebauliche Konzeption des Hansaviertels, zweitens die verschiedenen die Ausstellung begleitenden Sonderschauen. Daher stehen diese beiden Aspekte – in unterschiedlicher Gewichtung – im Zentrum dieser Dissertation.

Ein in der Literatur bisher wenig beachtetes Thema ist die städtebauliche Aussage des gebauten Teils der Internationalen Bauausstellung, also des Hansaviertels selbst. Hier ist festzustellen, dass eine eindeutige städtebauliche und damit auch gesellschaftspolitische Aussage am Lageplan des Hansaviertels nur bedingt ablesbar ist – ein Befund, der sich aus dem verworrenen und langwierigen Planungsverlauf des Hansaviertelserklärt, der in dieser Arbeit anhand neuen Plan- und Archivmaterials aufgearbeitet wird (so wurden z.B. dieersten Exposés zur Interbau und mehrere Alternativvorschläge für eine städtebauliche und inhaltlicheAusrichtung des Hansaviertels ausgewertet).

Da die Interbau von Anbeginn an mit konkurrierenden und teilweise mit einer Bausausstellung nur schwer zu vereinbarenden politischen Zielsetzungen überfrachtet wurde, erfüllte v.a. die städtebauliche Ordnung des Hansaviertels die in sie gesetzten Hoffnungen nur sehr bedingt. Als sich herauskristallisierte, dass hierbei die politischen und repräsentativen Ansprüche des Senats Vorrang besaßen vor dem Ziel, eine Siedlung mit einer durchgängigen „geistigen Idee“ zu schaffen und den „Städtebau der Zukunft“ zu zeigen, ging eine Welle der Enttäuschung durch die Fachwelt. Das Hansaviertel wurde in der Folgezeit als Beispiel für eine „Stadt von heute“ betrachtet und ein innovativer städtebaulicher Charakter wurde ihm allgemein abgesprochen.

Die Aufgabe, ein visionäres verallgemeinerbares Stadtmodell vorzustellen, wurde im Planungsverlauf auf die Sonderausstellung die stadt von morgen übertragen. Sie wurde zum wichtigsten Teil der umfassenden Begleitschau, die in temporären Pavillons im Tiergarten präsentiert wurde. In der zeitgenössischen Diskussionwurde sie als das programmatische Kernstück der Interbau bezeichnet. Zudem war sie nach dem Hansaviertelder meistbesuchteste Ausstellungsbereich.

Trotz der zeitgenössisch hervorgehobenen Wichtigkeit geriet die stadt von morgen bereits Anfang der 1960er Jahre nahezu in Vergessenheit. Dazu mag ihr temporärer Charakter beigetragen haben sowie die Tatsache, dass es zur Ausstellungszeit keinen ausführlichen Ausstellungskatalog gab, der die Inhalte konserviert hätte. Ein vom Organisator der Ausstellung, Karl Otto, 1959 veröffentlichtes Buch, das einen Teil der Inhalte der Ausstellung zusammenfasste, kam bereits zu spät. Auch spätere wissenschaftliche Beschäftigungen mit der Interbau behandeln die Sonderschauen sowie die stadt von morgen nur ganz vereinzelt. Insofern ist es reizvoll, gerade diesen Teil der Interbau einer ausführlicheren Analyse zu unterziehen.

Von der Annahme ausgehend, dass Städtebau, Lebensform und gesellschaftliche Entwicklung eng zusammenhängen, hatte sich die stadt von morgen zur Aufgabe gestellt, zukünftigen „idealen Städtebau“ zu zeigen und dieses Thema mit einer umfassenden Gesellschaftsanalyse zu verbinden. Der Status Quo von Gesellschaft und Städtebau wurde dem idealen Zustand „von morgen“ gegenübergestellt. Aufschlussreich ist die Schau aus heutiger Sicht nicht nur im Hinblick auf die in ihr zum Ausdruck kommenden gesellschaftlichen Wertvorstellungen, sondern auch in Bezug auf die Darstellung der gesellschaftlichen Rolle von Stadtplanung. Darüber hinaus ist vor allem der überaus starke Volksbildungscharakter, der hohe Erziehungsanspruch sowie die publikumswirksame Präsentationsweise der Inhalte bemerkenswert.

Wichtig für das Verständnis der Sonderausstellung und ihrer gesellschaftlichen Verknüpfungen ist eine im Rahmen der vorliegenden Arbeit erstmals vorgelegte detaillierte Analyse der sogenannten „Bauherrengespräche“, die als nichtöffentliche Sitzungen insgesamt über vier Tage im Oktober 1955 und im Februar 1956 in Berlin stattfanden. Der interdisziplinär zusammengesetzte Gesprächskreis aus etablierten Architekten, Soziologen, Medizinern, Psychologen und Politikern sollte die grundlegenden Inhalte und die Ausstellungskonzeption der Sonderausstellung festlegen.

In den Arbeitsgesprächen wurden zunächst die gesellschaftlichen Grundlagen der heutigen und der zukünftigen Stadt besprochen, um darauf aufbauend die grundlegenden Forderungen an den zukünftigen Städtebau zu formulieren. In diesen Diskussionen nahmen die Teilnehmer teilweise zeitgenössische erneuernde Argumentationsstränge auf, die die etablierten Planungsgrundsätze hinterfragten. Dann wurden jedoch eindeutige „Leitbilder“ und ein konkretes Planungsschema für die „Stadt von morgen“ aufgestellt, die die gängigen Planungsmaximen der in Siedlungseinheiten aufgegliederten und mit großen Grünbereichen aufgelockerten Stadt bekräftigten. Zudem legten die Teilnehmer der Arbeitsgespräche als Intention für die Sonderausstellung fest, dass hier die Laien-Öffentlichkeit zum „richtigen“ Städtebau und damit zur „richtigen“ Lebensführung erzogen und unterrichtet und sie zudem in direkter Ansprache zur Umsetzung dieser Inhalteaufgefordert werden sollte.

Im Zentrum der Analyse steht die Frage, welche Inhalte von den Gesprächsteilnehmern als maßgeblich fürdie angestrebte Präsentation der „Stadt von morgen“ angesehen wurden und inwieweit durch diese Inhalte dervisionäre Anspruch der Gespräche tatsächlich eingelöst werden konnte.

Eine umfassende Einordnung der Interbau und der Sonderausstellung die stadt von morgen in die zeitgeschichtlichen Bedingungen und vielschichtigen Ausstellungstätigkeiten schließt die Arbeit ab. Ziel ist es dabei, die unübersichtliche Gemengelage der frühen 50er Jahre aus politischen und wirtschaftlichen Intentionen aufzuklären, ohne die die konzeptionelle und planerische Entwicklung der Interbau nicht zu verstehen ist. Zugleich werden die zeitgenössischen geistigen Traditionslinien beleuchtet, innerhalb derer die Interbau und die stadt von morgen stehen.